• Befindlichkeiten

    Mixed-Media-Installation / 2002

    DVD / 2 x 11min 30 sec im Loop, Bodenaufkleber Ø1,20 , 2 Digiprints  0,6m x 2,50m

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    Zwei großformatige, einander gegenüberliegende Videoprojektionen bestimmen den Raum von Stephanie Maiers Installation Befindlichkeiten: Zwei offenbar identische Personen blicken den Betrachter an und reden auf ihn ein. Doch kaum als Scheißkerl tituliert, besänftigt einen, dass nicht man selbst, sondern das alter ego des Sprechers gemeint ist. Man ist Zeuge einer Dialogsituation oder eines Selbstgesprächs. Hier gibt niemand monologisch gewiss Auskunft über sein Befinden, kein “Mir geht’s prima!” oder “Mir geht’s mies!”. Wir erleben die Zweiheit einer Person, die miteinander (!) im Clinch liegt, und dies anhand einer trivialen Szene, die einen lebenspartnerschaftlichen Konflikt typisiert, vorführt. Doch die Irritation geht tiefer. Geschlechtsspezifische Zuordnungen sind aufgehoben. Dass der gesprochene Text auf eine Mann-Frau-Beziehung verweist, scheint ebenso zufällig, wie die Wahl eines männlichen Darstellers. Auch die Variationen des Themas – von der Umkehrung der beziehungsinternen Machtverhältnisse hin zu vorderhand männlich-aggressiven bzw. weiblich-verlockenden Ausprägungen – verstören. Hier gilt es, die Antagonismen einer Person auszuloten, schizoiden Persönlichkeitsmustern nachzuspüren.

    Früheren Arbeiten von Stephanie Maier gemein ist der schichtweise Aufbau des Bildes, wobei das visuell im Mittelpunkt stehende Motiv in einen grafischen Rahmen gefasst ist beziehungsweise von ergänzenden oder interpretierenden Zeichen begleitet wird. Dies insbesondere auch durch Schrift oder von Schrift abstrahierten grafischen Formen, die als Zuordnungen oder Zuweisungen verstanden werden können.

    Ganz anders hier. In größter Schlichtheit ist die Figur porträtartig ins Bild gesetzt. Seriös-einfach gekleidet – den Schlips je nach Temperament der jeweiligen Sequenz mal mehr, mal weniger lässig gelockert. Nur Gesicht und Hemd heben sich ab von der dunklen Gesamtanmutung. Die poetisch verdichtete Kompliziertheit im Bildaufbau der bisherigen Videos ist hier einer fast dokumentarischen Flächigkeit gewichen, gewissermaßen in die Seele der Figur exiliert worden. Frei von Brüchen ist jedoch die neue Einfachheit im Formalen nicht: Seltsame Klänge hinterlagern das gesprochene Wort, für Sekundenbruchteile kippt die Figur wie choreographiert aus der En-face-Situation. Wie magische Layers verrücken diese Momente die strenge Sachlichkeit von Bild und Dramaturgie.
    Matthias v.Tesmar